Kunstweg am Reichenbach
 
Kunstweg am Reichenbach

Sigrid Perthen / Andreas Bressmer

Andreas Bressmer und Michael Buchholtz - er setzt in
Definitiv relativer Standort in Landschaft, 2016, Zehn mit ihren GPS-Daten bezeichnete Steine im Reichenbach

Ein Standort ist relativ. Ein Standort ist zunächst fixiert auf feststehende Koordinaten. Diese Koordinaten verhalten sich jedoch relativ zu Raum und Zeit und müssen beständig neu erfasst und korrigiert werden, ein Standort ist also kein Standort. Ein Standort bewegt sich. Die Berechnung eines Standorts muss mit jeder Erdumdrehung und den damit verbundenen Abweichungen, täglich neu erfasst und korrigiert werden. Ein Standort existiert nur innerhalb der berechneten Zeit und weicht von seinem Ort, von seinem scheinbaren Standort beständig um Millisekunden ab. Ein Standort ist also definitiv relativ.

Eine definitive Standortbestimmung scheint von daher fraglich.

Wir entnehmen dem Reichentalbach ZEHN Steine, jeder wählt fünf aus, jeder bestimmt fünf Stellen der Entnahme nach persönlichen Entscheidungen, wir wählen nach Gefühl, Situation, Entfernung, nach Landschaft. Die Steine geben ihren Standort vor. Wir reduzieren unsere Auswahl auf Schwarzwälder Sandstein, dieser ist im Bach in der Minderheit und nur vereinzelt zwischen Granit zu finden.

Die Zahl ZEHN (10), besteht aus den Ziffern eins und null, daraus besteht der digitale Urcode, der Binärcode, die Grundlage von GPS. Ohne diese zwei Zahlen wäre GPS niemals möglich gewesen und damit auch keine relative Standortbestimmung. Diese Zahl beinhaltet auch den Begriff "ZEN" und dieser ist noch bemerkenswert analog. (zɛn, auch tsɛn)
Quelle: Wikipedia

Jeder Stein wird bei der Entnahme mit seinen exakten GPS Koordinaten, seiner exakten Lage im Raum erfasst. Diese Da-ten werden festgehalten, die Stelle markiert. Die entnommenen Steine werden mit ihren GPS-Koordinaten versehen (sand-gestrahlt) und werden, möglichst exakt in ihre ehemalige Lage in den Bach zurückversetzt.

Scheinbar hat sich nichts geändert. Tatsächlich hat sich in der Zeit ihrer Entnahme viel verändert, das Bachbett hat sich verändert, die Vegetation hat sich verändert, das Weltgeschehen hat sich verändert, unser Leben hat sich verändert, es hat mit Zeit und somit auch mit unserer Vergänglichkeit zu tun.

Unsere Steine werden sich bewegen. Diese Bewegung ist abhängig von der Wassermenge, den Strömungen, der Fließ-geschwindigkeit, dem Gewicht der ausgewählten Steine, dem Reibungswiderstand des Untergrundes und möglichen Hindernissen. Eine Formel zur Berechnung ihrer denkbaren Bewegung scheint es nicht zu geben. Ihre Bewegung ist also relativ, so relativ wie ihr Standort.

"... ( = der Bach und die systemimmanenten Abläufe)
Voré

Wir könnten versuchen, die Veränderung der Standorte nach unserer Rückgabe der Steine nachzuvollziehen. Wir könnten versuchen in regelmäßigen Zeitabständen unsere markierten Steine zu besuchen, sie zu suchen. Wir könnten ihre veränderten Koordinaten feststellen und damit ihre neuen Standorte bestimmen.

Das wollen wir nicht, wir wollen nicht nachvollziehen, kontrollieren, wo sie sind, wie sie sich bewegen, wir wollen keine Statistiken und Landkarten, keine Diagramme und Prognosen erstellen. So wie mittels GPS und Internet, Statistiken über die Bewegungsmuster von Menschen, ihre Metadaten erfasst, gespeichert und eine Definition über sie erstellt werden. Die Bewegungen von “Homo Sapiens” und den Steinen sollen frei bleiben und damit relativ.

Wir wollen den markierten Steinen ihre unendliche Zeit und ihre unkontrollierte Freiheit lassen, ihre eigene Zeit. Die markierten GPS-Daten werden verschwinden, mit jeder reibenden Bewegung werden die Steine kleiner werden. Sie werden irgendwann als Sand an einer Insel angespült werden, das aber ist lange nach unserer Zeit und Intervention.

Wir wollen nichts Sichtbares hinterlassen. Es ist ein kaum merklicher Eingriff in die natürlichen Abläufe. Unsere kleinen Änderungen regeln und steuern letztendlich die Zeit und die Natur. Definitiv!

Die Arbeit wurde für den Kunstweg am Reichenbach konzipiert.


“Scheinbar hat sich nichts verändert, dennoch aber viel.”
Klaus Heider 2003 - 2006




Sigrid Perthen

1951  geboren in Hannover
1969-75  Studium an der HfBK Hamburg
seit 1985  freie künstlerische Tätigkeit
seit 1987  lebt u. arbeitet in Reusten bei Tübingen
seit 2009  Dozentin für Bildhauerei, Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen
Mitglied im VBKW und im Künstlerbund Baden-Württemberg


Andreas Bressmer

geboren 1964 in Ebersbach / Fils
Mixed Media-Projekte
Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg
lebt in Göppingen
www.bressmer.eu