Kunstweg am Reichenbach
 
Kunstweg am Reichenbach

Andreas Bressmer / Michael Buchholtz

Andreas Bressmer und Michael Buchholtz - er setzt in
er setzt in, 2016, Aluminiumschilder in modifizierter Vegetation

Ein Gärtner entnimmt Pflanzen, das ist außergewöhnlich. Ein Gärtner fügt hinzu, so sind wir es gewohnt. Michael Buchholtz entnimmt stark wuchernde Arten und "Neophythen", um anderen vorhandenen Pflanzen neuen Lebensraum zu verschaffen. Er entnimmt, er pflanzt nichts Gezüchtetes, keine neuen Setzlinge und Triebe, er füllt die Brachflächen nicht auf mit käuflichen "Erzeugnissen" aus Gärtnereien und Pflanzenfabriken. Damit verschafft er den verbliebenen Pflanzen eine neue Existenzgrundlage. Darum ist er kein Gärtner im klassischen Sinne, er greift lediglich ein, sanft, entfernt überlegend und erhaltend, erzeugt Freiraum und damit Licht, unterstützt das Vorhandene und Wesentliche, das ursprünglich Gewachsene, die ursprünglichen Gewächse.

Auch dadurch kann ein "Park" entstehen. Ein Park entsteht immer durch die Korrekturen des Menschen in der Natur. Buchholtz entnimmt bei unserem Projekt ausschließlich.

Er schreibt dazu: "Auf einer Felswand entlang des Kunstweges haben sich Pflanzen angesiedelt. Der Gärtner möchte die Natur gestalten und entfernt unerwünschte Pflanzenarten. Dadurch wird eine neue Entwicklung in Gang gebracht, die Natur besetzt die Lücken. Der Gärtner wählt aus diesem Angebot erneut aus. Die Gegebenheiten des Ortes sowie natürliche Prozesse prägen das Bild stärker als die Intention des Gärtners. Es entsteht ein Landschaftsgarten, der sich kaum als solcher zu erkennen gibt. Wie ein Landschaftsgemälde der Romantik bildet das Ergebnis eine Idealvorstellung ab und nicht die reale Natur."

Die Interventionen von Michael Buchholtz finden auf einem relativ kleinen Areal statt, 300 qm vielleicht und dennoch wird dieses Areal zu einem Park der entfernten Pflanzen, vielleicht auch erst über die Jahre, zumindest solange er subtrahierend und korrigierend eingreift. Dieses Areal, in fast nicht zu kontrollierender, umgebender Natur, wird somit zur biologischen, oder floralen "Ausstellungsfläche". Er hat an diesem "Areal der Entfernung" über Monate behutsam gearbeitet.

Mein Beitrag ist dezent, so wie die Eingriffe von Buchholtz. Ich füge nur einige Schilder hinzu, mit den Namen der mir von Buchholtz genannten Pflanzen. Schilder, auf welchen die deutschen und lateinischen Namen der entfernten und der zu erhaltenen Pflanzen eingraviert sind, gemäß der erklärenden Situation in botanischen Gärten.

In einem botanischen Garten werden vorhandene, lange “gehegte”, oft tropische Pflanzen präsentiert. Hier werden zwei Spezies, die beide als einheimisch gelten ausgewiesen, die Spezies die von ihm entfernt wurden und jenen Spezies denen er damit ihren einheimischen Raum und Umgebung wiedergegeben hat.

Die Eingriffe von Buchholtz sind subjektiv, damit werden sie zu einer eigenen Arbeit. Wir wurden gebeten eine gemeinschaftliche Arbeit zu konzipieren. Ich möchte also keineswegs autonom vorgehen, kein Objekt in "Seiner Landschaft" platzieren und damit seine Interventionen stören, ich will lediglich beitragen und seinem Konzept ein eigenes Konzept hinzufügen.

Inbesondere geht es mir um den Begriff "Ersetzen", der auch den Begriff "Setzen" in sich trägt. Ich sehe somit die letztendlich belassene Vegetation als Neusetzung. "Neusetzung" oder "Ersetzt in“ ergibt auch die Wortkombination: "er - setzt - in", nur diese drei Begriffe und die Namen der Pflanzen füge ich der Arbeit von Buchholtz in Form von Schildern hinzu. Die Inschriften der Schilder bezeichnen die Namen der von ihm entfernten und der von ihm damit erhaltenen, befreiten, "ersetzten", die durch seinen Eingriff zu neuem Wachstum angeregten Pflanzen.

Die von mir gesetzten Schilder tragen dazu bei, die vom Publikum vielleicht kaum bemerkbaren Eingriffe in die Prozesse der Natur als solche wahrzunehmen und das von Buchholtz modifizierte Areal und deren Veränderungen als Kunstkontext zu sehen und zu verstehen.

Wenn man die durch Michael Buchholtz vorgenommenen Entnahmen als "Zurückgeführte", als "Neue", oder auch "Ideale Landschaften", als ein "Romantisches Landschaftsbild" versteht, so kann man die von mir ausgebrachten Schilder auch als jene Bezeichnungen interpretieren, die oftmals bei "Alten Meistern" auf den Bilderrahmen zur Betitelung angebracht sind.

Die Arbeit wurde für den “Kunstweg am Reichenbach” konzipiert.

Brombeere
Rubus sectio Rubus
er setzt in
Sauerklee
Oxalis acetosella
(Text: Andreas Bressmer)


Andreas Bressmer
geboren 1964 in Ebersbach / Fils
Mixed Media-Projekte
Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg
lebt in Göppingen
www.bressmer.eu

Michael Buchholtz
geboren 1977 in Magdeburg
Landschaftsgärtner
lebt in Gernsbach
Gärtnern mit der Landschaft